• Heimarbeit und Gewerbe

    De glismet Chileturm

    Hörbeitrag Heimarbeit und Gewerbe

    Neben der Landwirtschaft hinterliessen auch die eigenwilligen Gewerbe der Unterländer und die frühe Industrialisierung ihre Spuren in der traditionellen Kulturlandschaft. Zum Beispiel „de glismet Chileturm“.

    Mangelndes Interesse an der Landwirtschaft? [1]
    Gemäss einem Bericht vom Landschreiber Jakob Wolf über Rümlang im Jahr 1772 arbeiteten nur etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung ständig in der Landwirtschaft, ein Drittel teilweise und knapp ein Drittel gar nicht. Seiner Ansicht nach waren die Felder schlecht bebaut und halb verdorben. Welcher Tätigkeit gingen die Rümlanger dann nach?

    Strohhüte, Weinbergschnecken und Kachelöfen [2] [3]
    Vor 1830 gab es auf dem Lande keine Handels- und Gewerbefreiheit. Trotzdem wurden in Rorbas und Freienstein im 18. Jahrhundert Weinbergschnecken gezüchtet und bis nach Italien verkauft. Im Rafzer Feld fand damals eine Strohhutproduktion statt, welche in verschiedene Teile Europas und sogar nach Amerika Absatz fand. Die Idee für diese „Strohhutindustrie“ wurde vermutlich von den Reisläufern (Schweizer Söldnern) aus der Toskana gebracht. Im Embrachertal und im unteren Tösstal mit ihren reichen Lehmvorkommen wurden Tonwaren, z.B. Tonkacheln für Kachelöfen hergestellt. Die Ausgangsmaterialien stammten immer unmittelbar aus der heimischen Landschaft, wie Hanf-, Flachs- oder Roggenanbau, den Weinbergen und Lehmböden.

    Textile Heimarbeit im 17. und 18. Jahrhundert [4] [5] [6]
    Neben diesen Gewerben gab es auch im Unterland die Heimweber und -spinner im Verlagssystem (Stadler- und Embrachertal und Glattfelden vermehrt), jedoch in weit geringerer Dichte als in den anderen Kantonsteilen. Die „Rümliger“ fanden bereits sehr früh eine andere Nische. Sie strickten Strümpfe aus zugekauftem Hanf (später Wolle) und verkauften sie in der Region. Selbst von der männlichen Dorfgesellschaft und den Kindern wurde fleissig gestrickt. Sie waren sozusagen mit der „Lismenadle“ zur Welt gekommen. Die Legende besagt, sie hätten sogar ihren ungewöhlichen Kirchenturm durch das Stricken erworben. Tatsächlich ist dessen eigentümliche Form jedoch älter als das Gewerbe.

    Die Strickerei hielt sich trotz der aufkommenden Industrialisierung noch erstaunlich lange. Thomas Meier zitiert in seiner Dissertation über die nicht-agrarischen Tätigkeiten im Zürcher Unterland folgende Anektote:[7]

    Als das Teilstück Oerlikon-Bülach der Nordostbahn seiner Bestimmung übergeben und damit das Unterland von Zürich aus mit der Eisenbahn erschlossen wurde, präsentierte sich am Einweihungstag den geladenen Gästen des Eröffnungszuges bei der Einfahrt in den Bahnhof Rümlang ein höchst eigenartiges Schauspiel. Nicht so sehr die wie anderenorts auch zur Premiere herbeigeströmte neugierig-skeptische Volksmenge war es, die die Damen und Herren Aktionäre und Honoratioren in Staunen versetzte und ihnen einen bleibenden Eindruck hinterliess, sondern vielmehr die Tatsache, dass Männer, Frauen und Kinder in geordneten Reihen entlang der Geleise am Boden sassen und trotz des sich bietenden Spektakels unablässig an langen Strümpfen strickten.

    Mechanische Spinnereien eröffneten die Industrialisierung [8] [9]
    Ab 1801 nahmen die ersten mechanischen Spinnereien (St.Gallen und Wülflingen) ihren Betrieb auf und läuteten die Industrialisierung in der Schweiz ein. Die aufkommende Textilindustrie war nicht mehr in Kontakt mit der lokalen Landwirtschaft, da sie v.a. importierte Baumwolle verarbeitete. Da das Zürcher Unterland nur wenige nutzbare Wasserläufe hatte und diese bereits von den Mühlen besetzt waren, konnte sich die Textilindustrie im Vergleich zum Zürcher Oberland nur spärlich entwickeln. Noch heute sind in unterschiedlichem Zustand folgende ehemalige Spinnereigebäude anzutreffen: Jakobsthal bei Bülach, Hochfelden, Glattfelden, Freienstein und Zweidlen. Die Spinnerei Letten in Zweidlen lief noch bis ins Jahr 2005!

    Armut und Umstrukturierung im 19. und 20. Jahrhundert [10] [11]
    Im 19. Jahrhundert wurde die Schweizer Landbevölkerung gleich mehrmals überaus hart auf die Probe gestellt: Erst durch die Hungersnot nach Missernten 1816/1817, dann durch das Einfuhrverbot für Baumwolle (Kontinentalsperre) und schliesslich noch durch die Mechanisierung in der Textilindustrie. Als Ende 19. Jahrhunderts mit der Eisenbahn günstiges Getreide aus dem industrialisierten Amerika den Markt überschwemmte, folgte die Agrardepression. Es kam in der ganzen Schweiz sowie weiten Teilen Westeuropas zur Massenarmut in ländlichen Gebieten und deshalb zu Auswanderungswellen.

    Da das Unterland zumindest westlich der Glatt bis ins 20. Jahrhundert weitgehend bäuerlich war, fiel der Ersatz der Heimarbeit durch die mechanische Textilindustrie für die Landbevölkerung weniger stark ins Gewicht als in anderern Kantonsteilen. Viele Dörfer hatten konnten dank der Eisenbahn von der Nähe zum prosperierenden Industriezentrum Zürich profitieren. So warben einige Gemeinden, welche unter der Agrarkrise litten, aktiv Industriebetriebe an. Die Gemeinde Rafz schaffte es beispielsweise 1894 die Schuhfabrik Walder&Co für eine Filiale zu gewinnen. Trotz den ersten Versuchen fand die Ablösung der Landwirtschaft durch die Industrie als wichtigster Erwerbssektor erst im 20. Jahrhundert statt. Das Unterland blieb Nahrungsmittellieferant für die Stadt Zürich.

    Heutiger Einfluss von Gewerbe und Industrie
    Die sehr unterschiedliche Ausprägung der relativ späten Industrialisierung im Zürcher Unterland machen einen Grossteil seines heutigen Charakters aus. Nur wenige Kilometer nebeneinander finden wir sehr bäuerliche Gemeinden und Agglomerationssiedlungen mit grossen Industriegebieten. Der wirtschaftliche Druck auf den Boden ist heute enorm und die traditionelle Kulturlandschaft ist in dieser Hinsicht das schwächste Glied. Wollen wir etwas davon erhalten, braucht sie aktive Hilfe.




    Literatur und Quellen

    [1]Pfister, H. U., Sigg, O.: Lob der Tüchtigkeit, Kleinjogg und die Zürcher Landwirtschaft am Vorabend des Industriezeitalters. Zum zweihundersten Todesjahr Kleinjogg Gujers (1716-1785). Eine Publikation des Staatsarchivs Zürich. Orell Füssli AG, Zürich 1985, S. 36, 37.

    [2]Weibel, T., Irniger, M., Lendenmann, F., Stucki, H., Sigg, O., Ulrich, C.: Geschichte des Kantons Zürich. Band 2. Werd Verlag, Zürich, 1996, S. 111-116.

    [3]Mossdorf, A.: Die Industrie des Zürcher Unterlandes. In: Neujahrsblatt für Bülach und das Zürcher Unterland 1947. Herausgegeben von der Lesegesellschaft Bülach. Bülach, 1947, S. 68 ff.

    [4]Pfister, H. U., Sigg, O.: Lob der Tüchtigkeit, Kleinjogg und die Zürcher Landwirtschaft am Vorabend des Industriezeitalters. Zum zweihundersten Todesjahr Kleinjogg Gujers (1716-1785). Eine Publikation des Staatsarchivs Zürich. Orell Füssli AG, Zürich 1985, S. 11.

    [5]Weibel, T., Irniger, M., Lendenmann, F., Stucki, H., Sigg, O., Ulrich, C.: Geschichte des Kantons Zürich. Band 2. Werd Verlag, Zürich, 1996, S. 111-116, 163-169.

    [6]Zimmermann, U., Kunz, Ch., Bolt, K., Dütsch-Schmid, H.: Baumwolle und Wasserkraft. In: 32. Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Bülach. Herausgegeben von der Lesegesellschaft Bülach. Bülach, 1988, S. 10.

    [7]Meier, Th.: Handwerk, Hauswerk, Heimarbeit: nicht-agrarische Tätigkeiten und Erwerbsformen in einem traditionellen Ackerbaugebiet des 18. Jahrhunderts (Zürcher Unterland). Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich. CHRONOS, Zürich, 1986, S. 309.

    [8]Tanner, A.: Die Baumwollindustrie in der Ostschweiz 1750-1914: Von der Protoindustrie zur Fabrik- und Heimindustrie. In: Von der Heimarbeit in die Fabrik. Herausgegeben von Karl Ditt und Sidney Pollard. Ferdinand Schöning, Paderborn, 1992, S. 162 ff.

    [9]Zimmermann, U., Kunz, Ch., Bolt, K., Dütsch-Schmid, H.: Baumwolle und Wasserkraft. In: 32. Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Bülach. Herausgegeben von der Lesegesellschaft Bülach. Bülach, 1988, S. 37 ff.

    [10] Lemmenmeier, M.: Heimgewerbliche Bevölkerung und Fabrikarbeiterschaft in einem ländlichen Industriegebiet der Ostschweiz (Oberes Glattal) 1750-1919. In: Von der Heimarbeit in die Fabrik. Herausgegeben von Karl Ditt und Sidney Pollard. Ferdinand Schöning, Paderborn, 1992, S. 410.

    [11] Mossdorf, A.: Die Industrie des Zürcher Unterlandes. In: Neujahrsblatt für Bülach und das Zürcher Unterland 1947. Herausgegeben von der Lesegesellschaft Bülach. Bülach, 1947, S. 89.

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