• Obst

    Zweyeti Hochstämm

    Hörbeitrag Obst

    Vielen von uns tut das schleichende Verschwinden der Hochstammobstbäume weh. Die Älteren erinnern sich noch an die geschlossenen Obstgürtel rund um die Dörfer, aber auch unter den Jüngeren klingt bei diesem Bild innerlich etwas an. Wie hat sich das entwickelt?

    Veredeltes (dialekt: „zweyets“) Obst [1]
    Die typischen Obstgürtel rund um die Dörfer, wie wir sie von Fotos oder aus der Erinnerung kennen, bestanden nicht lange. Bis ins 18. Jahrhundert gab es wenige veredelte Obstbäume bei den Bauern. Denn die Bäume mussten innerhalb des Dorfzaunes (dem Etter) oder in den wenigen ausgezäunten Gärten (den Pünten oder den Reben) stehen, damit sie vor weidendem Vieh sicher waren. Veredelte Bäume wurde jedoch in Klöstern, an Höfen und in Hausgärten von Gelehrten, Adligen und Bürgern seit den Griechen leidenschaftlich gezüchtet.

    Aufschwung in der Krise [2]
    Erst im 19. und 20. Jahrhundert, nach der Abschaffung des mittelalterlichen Flurzwangs und angetrieben von den sinkenden Getreidepreisen, kam es zur eigentlichen Blüte des Obstbaus, als die Schweiz mit Hilfe der Bahn tonnenweise Obst ins Ausland (v.a. nach Süddeutschland) exportieren konnte.

    “1930 lag der jährliche schweizerische Obstbaumrohertrag über dem von Getreide- und Kartoffelanbau zusammen.” [2]

    Boom
    Damals wurden zu Tausenden Hochstammbäume von verschiedenster Most-, Dörr-, Koch-, Brenn- und Tafelsorten gesetzt und gepflegt. Es handlte sich dabei um eine intensive Kultur mit grossem Pflegeaufwand und starker Düngung (welche sich mit ebenfalls boomenden Viehwirtschaft ergänzte). Die lange Wachstumsphase, bis die Hochstämme gross und ertragreich waren, bewirkte allerdings eine Verzögerung um mehrere Jahrzehnte. So kam es zwischen 1930 und 1960 zu Rekordernten bei tiefen Preisen und zu Verarbeitungsproblemen. Riesige Mengen an Obstspirituosen waren die Folge davon. Im Zürcher Unterland hat sich dieser Obstboom vor allem um die Dörfer und an den Abhängen, z.B. Lägern-Nordhang stark ausgebreitet. Die flacheren Gebiete blieben dem Ackerbau vorbehalten.

    Zusammenbruch
    Als der Obstexport im 20. Jahrhundert zusammenbrach, bezahlte die Eidgenössische Alkoholverwaltung zwischen 1935 und 1975 Prämien für Hochstammfällaktionen. So dezimierte sich der Bestand an Hochstämmen drastisch. Einige wenige Exemplare, welche wir heute noch in der Landschaft erkennen, haben diese Zeit überlebt. Die Wuchskraft dieser mächtigen Bäume stammt allerdings nicht vom veredelten Obst.

    Wildes Obst [3]
    Als das veredelte Obst sich im 18. Jahrhundert durchzusetzen begann, wurden die Wildobstbäume als „Unterlage“ für Veredelungen (Wurzel und teilweise Stamm) verwendet. Sie gaben den veredelten Trieben die notwendige Wuchskraft für Hochstammbäume. Zu Tausenden mussten die jungen Wildlinge aus den ehemaligen Allmenden gegraben worden sein, bis man später in den Baumschulen Sämlinge heranzog und mit der gewünschten Sorte veredelte. Wegen diesem Unterlagenbedarf, der Auflösung der Allmende und den markanten Änderungen in der Waldbewirtschaftung geriet das Wildobst derart stark unter Druck, dass es heute praktisch verschwunden ist.

    Wildobst auf dem Tisch [4]
    Noch im Mittelalter nutzte die bäuerliche Bevölkerung auch die Früchte der wilden Obstbäume zum Dörren und Kochen als Beilage („obaz“, Althochdeutsch: dazu essen) und für die Schweinemast. Zumindest für die Armen und Landlosen waren sie als Nahrung sehr wichtig, wie zahlreiche Strafordnungen eindeutig belegen.

    Wichtige Genressourcen
    Da sich zahmes und wildes Obst untereinander fortpflanzen können, bleibt uns ein Teil des Erbgutes des wilden Obstes noch in den alten Sorten und den wenigen reliktischen Vorkommen des Wildobstes in der Schweiz erhalten. Sämlinge mit Eigenschaften von veredeltem Obst sind extrem selten (beispielsweise die Birnensorten Wildling von Einsiedel oder Wildling von Sargans), das Erbmaterial ist also immer noch sehr vom wilden Obst geprägt.

    Heutige Akteure
    Heute versucht der Staat die Bauern mit Direktzahlungen zum Erhalt und zu Neupflanzungen von den ökologisch wertvollen und landschaftsprägenden Hochstammobstbäumen zu bewegen. Trotzdem ist der Niedergang schwierig zu stoppen. Die Vereinigung Fructus kümmert sich intensiv um die Erhaltung der alten Sorten aus dieser Kultur, unter anderem mit dem Infopavillon in Niedersteinmaur und dem Obstlehrpfad von Höri nach Steinmaur. Die dort ansässige Mosterei E.Brunner AG ist heute noch ein bekanntes Förderzentrum für Hochstämme.





    Literatur und Quellen

    [1]Ewald, K. C.: Schlaglichter auf 250 Jahre Wandel der Kulturlandschaft im Kanton Zürich. In: Mensch und Natur, Festschrift zur 250-Jahre-Feier der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 1746-1996. Andelfingen, 1996, S. 184.

    [2]Bartha-Pilcher, B., Brunner, F., Gersbach, K., Zuber, M.: Rosenapfel und Goldparmäne: 365 Apfelsorten – Botanik, Geschichte und Verwendung. AT Verlag, Baden und München, 2005, S.43.

    [2]Schöller, R.: Wildes Obst. Rombach Verlag KG, Freiburg i. Br./Berlin/Wien, 2010, S. 43 ff.

    [3]Schöller, R.: Wildes Obst. Rombach Verlag KG, Freiburg i. Br./Berlin/Wien, 2010, S. 54.

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