• Wald und Holz

    Di versoffni Eich

    Hörbeitrag Wald und Holz

    Im Zürcher Unterland bilden grosskronige Eichen, welche wie hier von Rottannen überwachsen werden, ein typisches Waldbild. Sie „ertrinken“ heute im Schatten der weitaus höher wachsenden Rottannen. Sie erzählen uns Geschichten von Schinken, Schülern, Schwellen, und Kosmetik.

    Die Axt im Bauernwald [1]
    Die Axt war im Mittelalter das wichtigste und beinahe das einzige Waldwerkzeug des Bauern. Da der Bedarf an Feuerholz zum Kochen und Heizen sehr gross war und dünne Stämme mit der Axt einfacher zu hauen waren, liess man die Bäume nicht alt werden. Alle 10-30 Jahre schlug man sie als Stauden ab. Vielerorts wurden nur wenige grosse Bäume als Samenbäume, zur Bauholzgewinnung und zur Schweinemast stehen gelassen. Einige alte Eichen, wie die Haferholzeiche in Dielsdorf, haben diese Zeit erlebt!

    Wald als multifunktionaler Lebensraum und Ressource [2] [3]
    Die Eiche konnte sich bei dieser Bewirtschaftung am besten behaupten. So ergaben sich für uns ungewohnt lichte Wälder mit einem tiefen Holzvorrat und einer grossen Artenvielfalt. Das Holz diente nicht nur als Brennstoff, sondern war die Ressource für verschiedene Gewerbe. Die Rinde der Eiche wurde beispielsweise für die Gerberei und später für Kosmetik geschält. Das Kosmetikunternehmen Laboratoires Guhl kaufte noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts Eichenrinde aus dem Wehntal.

    Das „Holz“ als Gemeingut [4]
    Grosse Teile des Waldes gehörten zur Allmende und die Bewirtschaftung stand im Rahmen der dorfgemeinschaftlichen Selbstverwaltung allen offen. Übernutzungen waren dabei häufig. Der Wald war nicht scharf von der restlichen Allmende abgegrenzt und teilweise war auch die restliche Flur stark von Gehölzen durchsetzt. In alten Quellen wird für Wald häufig der Begriff Holz gebraucht und diese Bezeichnung hört man heute noch bei den älteren Unterländern. Beispielsweise: „Im Winter isch mer is Holz gange.“

    Wegen dem Streuemangel im 19. Jahrhundert durch die Auflösung und Melioration der Allmenden wurde nun auch Laub als Stallstreue und seltener als Matratzenfüllung gesammelt. Dem Wald wurde dabei beinahe alle verfügbare Biomasse entzogen.

    Die frühen Forstbemühungen im 19. Jahrhundert [5]
    Die neu geschaffene Forstverwaltung verbot die Waldweide und strebte nun die Holzproduktion mit Rottannen, Föhren und Buche in sogenannten Hochwäldern (wie wir sie heute kennen) an. Schliesslich brauchte die aufkommende Industrialisierung massenhaft Bauholz für Brücken, Häuser, Wehre u.v.m. Alte Eichen konnte man besonders als Schwellen gut „verwerten“.

    Holz als Kapitalreserve der Zivilgemeinden [6] [7]
    Nach der Helvetischen Revolution übernahmen i.d.R. die Zivilgemeinden im Zürcher Unterland diejenigen Waldstücke, welche zuvor zur Allmende gehörten. Bis ins frühe 20. Jahrhundert konnten sie dank den Holzverkäufen ihre Ausgaben für Schulen, Löhne und Infrastruktur häufig decken. Die Eltern mussten deshalb mancherorts pro Kind einen Baum im „Schuelfonds“ setzen. Dann kam es zur Auflösung der Zivilgemeinden und der Wald ging meist in die politischen Gemeinden über.

    Entfremdung und Wertverlust im 20. Jahrhundert
    Im zweiten Teil des 20. Jahrhunderts verlor das Holz an Wert und die Naturnähe des Waldes wurde immer wichtiger. Daher kommt an den meisten Standorten die Buche zur Vorherrschaft. Die Waldfunktionen werden heute zwar wieder vielfältiger wahrgenommen: Erholung, Holznutzung, Naturschutz, Gefahrenschutz und Trinkwasserlieferant. Doch die meisten Forstbetriebe können heute keine oder nur knapp schwarze Zahlen schreiben. So zahlt die Öffentlichkeit die nicht vermarktbaren Funktionen des von der Dofbevölkerung entfremdeten „Holzes“.

    Eine Besonderheit im Zürcher Unterland sind die vielen Ersatzaufforstungen für die Rodungen vom Flughafen Zürich von 1945 und 1976. Die im Flughafengebiet verbliebenen Waldstücke sind wertvolle, stark grundwasserbeeinflusste, lichte Pionierwälder an Riedrändern und in den Altläufen der Glatt. Der reichen Artenvielfalt des ehemaligen Eichenhauwaldes wegen läuft heute im Unterland ein Eichenförderungsprojekt und das Brennholz gewinnt dank dem Holzheizkraftwerk Aubrugg ebenfalls wieder an Bedeutung.





    Literatur und Quellen

    [1]Bürgi, M.: Waldentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Veränderungen in der Nutzung und Bewirtschaftung des Waldes und seiner Eigenschaften als Habitat am Beispiel der öffentlichen Waldungen im Zürcher Unter- und Weinland. Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen, Nr. 84. Zürich, 1998, S. 96.

    [2]Bonfils, P., Horisberger, D., Ulber, M.: Förderung der Eiche. Hrsg.: proQuercus; Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft BUWAL, Bern, S. 37 f.

    [3]Grossmann, H., Krebs, E.: Forstpolitik, Forstverwaltung und Holzversorgung des Kantons Zürich von 1798-1960. In: 650 Jahre Zürcherische Forstgeschichte. Zürich, 1965, Band II, S. 168.

    [4]Bürgi, M.: Waldentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Veränderungen in der Nutzung und Bewirtschaftung des Waldes und seiner Eigenschaften als Habitat am Beispiel der öffentlichen Waldungen im Zürcher Unter- und Weinland. Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen, Nr. 84. Zürich, 1998, S. 96.

    [5]Grossmann, H., Krebs, E.: Forstpolitik, Forstverwaltung und Holzversorgung des Kantons Zürich von 1798-1960. In: 650 Jahre Zürcherische Forstgeschichte. Zürich, 1965, Band II, S. 135 ff.

    [6]Grossmann, H., Krebs, E.: Forstpolitik, Forstverwaltung und Holzversorgung des Kantons Zürich von 1798-1960. In: 650 Jahre Zürcherische Forstgeschichte. Zürich, 1965, Band II, S. 79.

    [7]Brühlmeier, M.: Steinmaur im 20. Jahrhundert. Steinmaur, 2004, S. 11.

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